11.05.2012

Gibt es bald zwei statt einen Euro?

(swissinfo.ch) - Die Euro-Währungsunion sei zu einer "unverantwortlichen Transferunion" mit Inflationspotenzial mutiert, kritisiert der deutsche Wirtschaftsdoyen Hans-Olaf Henkel. So schlägt er einen Nord- und einen Südeuro vor. Den Schweizer Franken würde dies entlasten.

In Deutschland hat sich Hans-Olaf Henkel durch seine Direktheit und seine kontroversen Thesen einen Namen gemacht.

Einst selbst ein "enthusiastischer Euro-Befürworter" rät der medial zwar beliebte, aber von offiziellen deutschen Pro-Euro-Politkreisen gar nicht geliebte Wirtschaftsexperte heute zu einer Zweiteilung des Euroraums.

Einen Nordeuro-Raum mit einem harten Nordeuro, wenig Teuerung, eingehaltenen Maastricht-Kriterien, Feuerwällen und einer streng antiinflationären Notenbankpolitik.

Und einen Südeuro-Raum mit einem schwächeren Südeuro, höherer Teuerung und deshalb auch mehr Abwertungspotenzial – im positiven Sinn, denn eine Abwertung würde diesen Ländern die heute nicht bestehenden Wachstumsimpulse ermöglichen.

Der Nordeuro-Raum würde ausser Deutschland auch Holland, Finnland und Österreich umfassen, "also den ehemaligen D-Mark-Block", schlägt Henkel vor. "Die Schweden, die dem Euro niemals beitreten wollen, würden einem Nordeuro wohl beitreten. Weitere Nordeuro-Kandidaten wären die Tschechen, Polen und Dänen."

Endlich Wachstumsimpulse für Südeuropa
Die anderen Länder der Eurozone, "welche sich weniger an Stabilitätskriterien halten wollen", sollten entweder aus der Eurozone hinaus oder sich zu einer Südeurozone zusammenschliessen, sagt Henkel gegenüber swissinfo.ch.

"Nach einer solchen Teilung würde der Südeuro gegenüber dem Nordeuro sofort abgewertet. Das gäbe diesen Ländern endlich die so dringend benötigten Wachstumsimpulse, die ihnen innerhalb der Eurozone seit Jahren fehlen", so Henkel. "Denn heute schrumpft die Wirtschaft der Süd-Länder, und die Arbeitslosigkeit nimmt bedrohlich zu."

Nordeuro – Verschnaufpause für den Franken
Grosse Auswirkungen hätte dies auch für den Schweizer Franken. Am jüngsten Aussenwirtschaftstag des Schweizer Exportförderers OSEC in Zürich erklärte sich der Eurokritiker deshalb "vor einem ihm geneigteren Publikum als zuhause".

Ein von den Märkten als hart empfundener Nordeuro würde auch den ständigen Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken abfedern, darin sind sich die meisten Währungsexperten einig.

Aufgewertet würde vor allem gegenüber den Ländern des Südeuros – was angesichts der ohnehin schrumpfenden Schweizer Exporte in diese Länder viel weniger schlimm sei als die heute bestehende ständig Gefahr einer Aufwertung gegenüber dem heutigen Gesamt-Euro.

Realistisches Szenario – Schlüsselland Frankreich
Simon Evenett, Professor für Aussenwirtschaft und Entwicklung an der Universität St. Gallen, glaubt, dass dieses Szenario nun dann wirklich eintreten könne, wenn sich die Südländer für einen Ausstieg aus der Eurozone entschlössen, um endlich abwerten zu können. Mit anderen Worten: Die Nordländer würden es eher nicht tun.

"Und wenn die Südländer das tun, werden sie nicht im Block aussteigen, sondern jedes Land für sich", sagt er gegenüber swissinfo.ch. "Interessant wäre herauszufinden, ob auch Frankreich rausgehen würde". Frankreich ist von der Grösse her die Nr. 2 in der Eurozone, leidet aber stark an der Eurostärke.

Laut Henkel hat Präsident Sarkozy alles unternommen, damit alle Südländer in der Eurozone verbleiben. Grund: Frankreichs Banken haben enorm viel Geld in diesen Ländern ausstehend und könnten sich eine Abwertung dieser Schulden nicht leisten – sogar um den Preis einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs nicht.

Dies könnte sich aber ändern, falls François Hollande die Präsidentschaftswahlen gewänne: Er habe ja eh mit dem Ausstieg aus dem Euro gedroht. Frankreichs Sozialisten würden, so Henkel, kaum Budgeteinsparungen durchführen und das Defizit weiter erhöhen.

Dies könnte zur Folge haben, dass "Angela Merkel nach all den Währungsunions-Zugeständnissen an Frankreich die Geduld platzt" – womit auch die Eurozone platzen würde.

Von einem Übel zum Nächsten
Die Währungsunion ist laut Henkel zur Transfer-Union zwischen den Euroländern mutiert, wo ein Finanzausgleich herrscht – aber ohne Verpflichtung zum Sparen. Die Südländer würden kaum zu einer Ausgaben- und Schuldenbremse gezwungen werden können, aber Brüssel spreche bereits von unionsweit gleich hohen Steuern und Löhnen. Damit bewege man sich in Richtung einer "Schulden-Union". Diese ende dann in einer "Inflations-Union".

Und wer profitiert von Inflation? In erster Linie die Schuldner, also die Staaten, so Henkel, weil die Inflation auch die Schulden entwerte.

"Zu alarmistisch"
Dieses Kaskadeszenario von einem Übel zum Nächsten findet Evenett "etwas zu alarmistisch. Der Weg von einer Union ins jeweils nächste Stadium, wie von Henkel dargelegt, ist alles andere als zwangsmässig vorgegeben".

Nur schon innerhalb einer Transfer-Union könne es interne Ausgleichsmechanismen geben: "Bei Überschussländern stellen sich Lohnerhöhungen ein, bei Defizitländern Lohnkürzungen. Laut einer Goldman-Sachs-Studie müsste allein Italien die Löhne um 15% kürzen, um aus dem Defizit herauszukommen. Damit würden sich die Wettbewerbsfähigkeiten der einzelnen Länder einander wieder angleichen."

Der Schweizer Franken würde, so der St. Galler Aussenwirtschaftsexperte, gegenüber dem Nordeuro schwächer und gegenüber dem Südeuro oder den einzelnen Süd-Währungen stärker werden. Das Gros der Handelsbeziehungen Schweiz-EU läuft über die Länder des Nordeuro.


<< zurück