SWISSCOFEL
SWISSCOFEL
Interessen seiner Mitglieder einheitlich darzulegen und zu vertreten
SWISSCOFEL
SWISSCOFEL
Transparenz der Preis- und Marktsituation
SWISSCOFEL
SWISSCOFEL
Transparenz der Preis- und Marktsituation
SWISSCOFEL
SWISSCOFEL
Transparenz der Preis- und Marktsituation
SWISSCOFEL
SWISSCOFEL
Der Verband des Schweizerischen Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels
 
 

19.05.2020

BLW-Direktor: ‘Ernährungssicherheit’ und ‘Selbstversorgung’ sind nicht das Gleiche

(schweizerbauer.ch) - Der Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), Christian Hofer, hat einer Selbstversorgung der Schweiz eine Absage erteilt. «Die Schweiz hat zu wenig Land, um sich selbst zu versorgen», sagte er der «Neuen Zürcher Zeitung» vom Montag.

«Wir werden immer abhängig sein vom Ausland», betonte der Direktor. «Wir müssen gute Beziehungen zum Ausland pflegen», mahnte er.

«Weniger Massenproduktion, mehr Qualität»
Hofer widerspricht in dem Interview auch dem Präsidenten des Bauernverbandes Markus Ritter, der mindestens gleich viel bis bisher im Inland produzieren will. «Nur die Kalorien zu zählen, welche die Landwirtschaft produziert, ist gefährlich», entgegnete der BLW-Direktor auf eine entsprechende Frage. Eine Ernährungssicherheit sei viel mehr als dies. Die Schweiz müsse das landwirtschaftliche Wissen erhalten und das Land müsse schauen, dass die Böden fruchtbar blieben, betonte Hofer.

«Weniger Massenproduktion, mehr Qualität. Auf diesem Weg gehen wir weiter», hiess es vom BLW-Direktor Hofer zudem. Wenn die Landwirtschaft so intensiv weiterproduziere wie heute, sei die Versorgungssicherheit mittel- und längerfristig gefährdet. Ganz punktuell könne es sogar Sinn ergeben, mehr zu importieren, erklärte er. «Weil wir so die Umwelt schonen.» Und falls irgendwann wieder eine Krise komme, könne die Schweiz auf fruchtbarem Böden anbauen.

Versorgungssicherheit funktioniert
Die aktuelle Krise habe zudem gezeigt, dass die Strategie der Versorgungssicherheit funktioniere, sagte er. «Wir mussten nie auf die Pflichtlager zurückgreifen», so Hofer gegenüber der «NZZ». Die Schweiz habe aber auch Schwachstellen erkannt - so komme das Saatgut für Gemüse zu 100 Prozent aus dem Ausland, erklärte er. «Auch beim Dünger, beim Treibstoff und bei Pflanzenschutzmitteln sind wir angewiesen auf Importe.» Die Lieferungen solcher Güter seien aber durchaus ins Land gekommen, und es habe keine Engpässe gegeben, hiess es.

SBV: Selbstversorgungsgrad halten
Der Schweizer Bauernverband (SBV) sieht in der Coronavirus-Krise die Zeit gekommen, den Selbstversorgungsgrad der Schweiz hochzuhalten. SBV-Direktor Martin Rufer sagte Mitte April: «Ein gewisser Grad an Selbstversorgung ist wichtig», erklärte er. «Bisher hatten wir einen Selbstversorgungsgrad von knapp 60 Prozent. Unser Ziel ist, dieses Niveau zu halten», sagte Rufer zu den CH-Medien. Ginge es nach dem Bundesrat, solle der Selbstversorgungsgrad aber mit der neuen Agrarpolitik auf 52 Prozent sinken. «Das ist für uns nicht akzeptabel», betonte er.

«Die Coronakrise zeigt auf, dass kurze, nicht globalisierte Wertschöpfungsketten durchaus ihre Vorteile haben. Die regionale Produktion mit kürzeren Wegen ist zuverlässiger und robuster, die globalisiere anfälliger», erklärte der Bauernverbandsdirektor. «Die Coronakrise zeigt auf, dass kurze, nicht globalisierte Wertschöpfungsketten durchaus ihre Vorteile haben. Die regionale Produktion mit kürzeren Wegen ist zuverlässiger und robuster, die globalisiere anfälliger», erklärte der Bauernverbandsdirektor.

Die Krise werde die Landwirtschaft stärken. «Die Gesellschaft hat gemerkt, dass die Bauern systemrelevant sind», sagte Hofer. Die Landwirte hätten in der Krise «gekrüppelt». «Wer clever und innovativ war, konnte mehr Produkte verkaufen. Das wurde belohnt», so der BLW-Direktor. Doch nicht sämtliche Bereiche hätten profitieren können. Den Winzern und Kalbfleischproduzenten sei mit dem Wegfall der Gastronomie ein wichtiger Absatzkanal weggebrochen.

Selbstversorgungsgrad
Der Selbstversorgungsgrad wird definiert als Verhältnis der Inlandproduktion zum inländischen Gesamtverbrauch. Der Berechnung liegt der Energiewert der einzelnen Nahrungsmittel zugrunde. Es wird unterschieden zwischen einem Selbstversorgungsgrad brutto und einem Selbstversorgungsgrad netto, wobei beim Selbstversorgungsgrad netto berücksichtigt wird, dass ein Teil der Inlandproduktion auf importierten Futtermitteln beruht. Dazu wird bei der Berechnung des Netto-Selbstversorgungsgrades die tierische Inlandproduktion um jenen Anteil reduziert, der mit importierten Futtermitteln produziert wird. BLW

«Initiativen sind extrem - AP22+ als Alternative»
Der BLW-Direktor äusserte sich auch den Anti-Pestizid-Initiativen und verbindet diese mit der Agrarpolitik 2022+ (AP22+). Die beiden Initiativen, die wohl erst 2021 zur Abstimmung kommen, erachtet Hofer als sehr einschneidend und extrem. Als Antwort darauf verweist er auf die Agrarreform AP22+. Diese nehme die Unbehagen der Bevölkerung in Sachen Pflanzenschutz ernst.

Eine Rückweisung, wie vom Schweizer Bauernverband (SBV), erachtet Hofer als schlecht. «Die Gesellschaft hat einen Vertrag mit den Bauern. Dafür ist man bereit, die Landwirtschaft in den nächsten vier Jahren mit 13 Milliarden Franken zu unterstützen», sagte er zur «NZZ». Dem Einwand des SBV, dass die Bauern mit der AP22+ weniger verdienen, kann der BLW-Direktor nichts abgewinnen.

Die Agrarpolitik 2022+ enthält für die Landwirtschaftskammer (Laka) des Schweizer Bauernverbands zu viele Fehler und Widersprüche. Die Laka fordert eine grundlegende Überarbeitung. Die Vorlage führe zudem zu einem Rückgang des Selbstversorgungsgrades um acht Prozent gegenüber dem zehnjährigen Durchschnitt. Zudem komme es zu einem massiven Rückgang des sektoralen Einkommens. Deshalb fordert die Laka, die Botschaft zurückzuweisen, um die Botschaft zu überarbeiten.

Wettbewerbsfähigkeit in Nische
Die Bauern würden über die Nische Wettbewerbsfähigkeit und damit Wertschöpfung am Markt generieren. «Viele Bauern finden es gut, dass die umweltfreundliche Produktion belohnt wird», fuhr er fort. Insgesamt würden die einzelnen Bauernfamilien künftig mehr verdienen. Der Bund strebe mit der AP22+ einen Mittelweg zwischen Produktion und Ökologie an.

Die Kritik, die Landwirtschaft sei zu teuer, dementiert Hofer. «Die Gesellschaft will keine industrielle Landwirtschaft. Sie will eine Landwirtschaft, die auf gewisse Praktiken verzichte. Und dies hat seinen Preise», macht er deutlich.

Weniger Grenzschutz: Konsumenten in der Pflicht
Hofer äussert sich im Interview mit der «NZZ» auch zum Grenzschutz. Diese könne man nur mit flankierenden Massnahmen aufweichen. Hofer sagte, dass die Schweiz Handel brauche, um Wohlstand zu generieren. Aber die Bauern müssten eingebunden sein. Er nennt das Mercosur-Abkommen (Argenitinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay) als Beispiel.

Für den BLW-Direktor stehen schlussendlich die Konsumenten in der Pflicht. Denn die Schweiz können Ländern wie Argentinien oder Brasilien nicht vorschreiben, wie sie produzieren. «In Verhandlungen nehmen wir die Nachhaltigkeit in die Verträge auf. Als Konsumenten bestimmen wir über unseren Einkauf mit. Die Konsumenten haben es in der Hand», so Hofer.